Josef Festing

Gedichte und Geschichten

87. Wie im Rausch

Wie im Rausch
(von Josef Festing)

Im Grunde meines Herzens war ich wohl schon immer ein Messi, wobei ich hier nicht den weltberühmten Fußballer meine, sondern meinen ausgeprägten Hang zum Sammeln und Aufbewahren von Gegenständen jeglicher Art. Schon als Kind habe ich mich gern auf dem dorfeigenen Schrottplatz aufgehalten, um nach brauchbaren Objekten Ausschau zu halten. Gemeinsam mit meinem jüngeren Bruder und einem Freund aus der Nachbarschaft sammelte ich alles, was sich auf irgendeine Weise zum Spielen eignete. Ein Rädchen aus einer alten Uhr, das sich mühelos zu einem Kreisel umfunktionieren ließ, war ebenso begehrt wie die Räder eines ausrangierten Kinderwagens, die man für den Bau einer Seifenkiste verwenden konnte. Diese Vorliebe zieht sich seither wie ein roter Faden durch mein Leben. Als Student bestand das Mobiliar meiner Unterkunft zu einem großen Teil aus gefundenen Sperrmüllobjekten. Ohnehin hat Sperrmüll eine ähnliche Anziehungskraft auf mich wie ein frischer Hundehaufen auf eine Schmeißfliege. Ich kann einfach nicht daran vorbeigehen, ohne nachzuschauen, ob nicht vielleicht jemand aus reiner Unkenntnis einen wertvollen Gegenstand zur Entsorgung auf die Straße gestellt hat. Die sensationelle Meldung, dass ein Student in Köln einmal ganz zufällig einen echten „Spitzweg“ im Wert von 500.000 € in einem Sperrmüllhaufen entdeckt hat, war nicht unbedingt dazu angetan, diesen Drang in irgendeiner Weise abzuschwächen. Noch verstärkend wirkte sich die in den letzten Jahren immer häufiger zu beobachtende Angewohnheit einiger Mitbürger auf mich aus, nicht mehr benötigte Haushaltsgegenstände und sonstigen Trödel in einem Pappkarton mit der Aufschrift „Zu Verschenken“ an die Straße zu stellen. Jeder noch so kleine Spaziergang in der Stadt fühlt sich seither für mich an wie „Ostereier suchen“. Überall könnte ja eins am Straßenrand versteckt sein. Meine Frau kann dieser Eigenart von mir allerdings überhaupt nichts abgewinnen. Im Gegenteil, immer wenn ich einen Karton auf dem Bürgersteig erspähe und im Begriff bin, darauf zuzusteuern, lässt sie augenblicklich meine Hand los und tut so, als gehöre ich nicht zu ihr. Das kann ich auch irgendwie verstehen, denn es sieht ja nicht gerade vornehm aus, in Sachen herumzuwühlen, die jemand anderes als überflüssig erachtet. Zu meiner Ehrenrettung muss ich allerdings erwähnen, dass ich dabei schon so einiges entdeckt habe, von dem selbst Ute nach späterer Begutachtung durchaus angetan war. Und es ist ja keineswegs so, dass ich alles mitschleppe, was nicht niet- und nagelfest ist. Jedenfalls nicht alles! Wenn ich auch bisher noch keinen Original-Spitzweg oder Caspar David Friedrich aufgestöbert habe, so befindet sich unter meinen Fundstücken doch so manche Kostbarkeit, die Horst Lichter bei der Sendung „Bares für Rares“ wohl in Erstaunen versetzt und zum Zwirbeln seines markanten Schnauzbartes gebracht hätte. Und das Schönste ist, dass ich mich über ein gefundenes Teil wesentlich mehr freue, als wenn ich es gekauft hätte. Manchmal glaube ich, dass ich so eine Art Goldgräber-Gen besitze, wie die Abenteurer, die Ende des 19. Jahrhunderts in Alaska am Klondike-River wie im Rausch nach Nuggets geschürft haben. Ich bin sicher, dass beim Goldsuchen ähnliche Hirnareale angesprochen werden wie beim Stöbern in Pappkartons und dem Durchforsten von Sperrmüllhaufen.

Nun, wie dem auch sei. Es war Ende März, als Ute und ich mal wieder einen ausgiebigen Spaziergang durch die Straßen von Braunschweig machten. Das Wetter war schön, doch die Luft war noch recht kalt, so dass Ute ihre linke Hand in die rechte Seitentasche meiner Lederjacke gesteckt hatte, um sich an meiner Hand zu wärmen. Wir waren schon eine ganze Weile unterwegs, hatten uns an den zahlreichen Frühlingsblumen in den Vorgärten erfreut und uns dabei angeregt über dieses und jenes unterhalten. Als wir nun in eine Seitenstraße abbogen, nahm ich schon von weitem einen auffälligen Gegenstand auf einer hüfthohen Mauer wahr, die am Bürgersteig entlang führte und den Garten eines Mehrfamilienhauses begrenzte. Beim Näherkommen erkannte ich, dass es sich um einen sehr schönen Porzellanbecher handelte, der ein edles Design aufwies und filigran gearbeitet war. Als Ute bemerkte, dass ich mich zielgenau darauf zubewegte, glitt ihre Hand blitzartig aus meiner Jackentasche und ihr Schritt verlangsamte sich merklich. Wenige Augenblicke später griff ich nach dem Gefäß und fühlte sogleich das glatte und dünnwandige Porzellan, das wie Geschmeide in meiner Hand lag. Ich meinte sogar, eine angenehme Wärme an dem exquisiten Stück wahrzunehmen. „Die ist wunderschön, Ute, die nehme ich mit,“ verkündete ich meiner Frau voller Begeisterung. „Hallo, Sie da. Was machen Sie mit meiner Kaffeetasse?“, vernahm ich plötzlich eine aufgeregte weibliche Stimme. Im gleichen Moment sah ich in etwa zehn Metern Entfernung eine junge Frau zwischen zwei parkenden Autos hervortreten, die nun forschen Schrittes auf mich zukam und mir den Becher unwirsch aus der Hand riss. „Da stellt man mal kurz seinen Kaffeebecher auf die Mauer, um seine Zigarette auszumachen und schon wird er einem geklaut,“ zischte sie und streckte mir zum Beweis einen ausgedrückten Zigarettenstummel entgegen. „Ähm, tut mir leid, ich …. ich dachte, ähm, dass, …. ich wusste doch nicht … “, stotterte ich verlegen. Ute, die langsam näher gekommen war und die peinliche Szene beobachtet hatte, würdigte mich keines Blickes, ging schnurstracks an mir und der jungen, noch immer aufgebrachten, Frau vorüber, ohne auch nur einen Ton von sich zu geben. Ich stammelte noch einige entschuldigende Worte und hatte anschließend Mühe, meine davon stürmende Frau einzuholen. Als ich ihre Hand ergriff und sie wieder in meine Jackentasche schieben wollte, sträubte sie sich und zog ihre Hand missmutig zurück. Sie schien äußerst ungehalten und ich beschloss, erst einmal nichts zu sagen, um sie nicht noch mehr zu vergraulen. Hatte ich sie doch mit meiner Marotte in eine sehr unangenehme Situation manövriert, der sie sich nur mit Geschick entziehen konnte. So gingen wir einige Minuten schweigend nebeneinander her. – Eine dämliche Unterlegscheibe war es schließlich, die mein Schicksal endgültig besiegelte. Sie lag plötzlich da auf dem Bürgersteig. Ich bückte mich nach ihr, um sie aufzuheben und sie später meiner ausschließlich aus Fundstücken bestehenden Schrauben- und „Pinökel“-Sammlung zuzuführen. Ein fataler Fehler, wie sich sogleich herausstellte. Schwelten die offensichtlich schon seit langem angestauten Emotionen bei Ute bislang noch im Untergrund, so traten sie durch meine unbedachte Handlung in der ohnehin schon aufgeheizten Stimmung nun mit aller Macht offen zutage. Auf dem Nachhauseweg musste ich mir zu meinem Leidwesen daher einige sehr unliebsame Sprüche von ihr anhören. Die Begriffe „Sockenschuss“ und „hirnverbrannt“ sind mir noch nachhaltig in Erinnerung geblieben. Doch so sehr ich Utes Unmut nachvollziehen konnte, höre ich tief in meinem Inneren heute immer noch diesen einen, unverwechselbaren Ruf: den Lockruf des Goldes!

(geschrieben am 31.01.2024) Schrauben- und „Pinökel-Sammlung“