Josef Festing

Gedichte und Geschichten

86. Schusters Rappen

Schusters Rappen
(von Josef Festing)

Ein schöner Herbstnachmittag, den wir gemeinsam mit unserer Tochter und unserem Enkel im Garten verbracht hatten, ging langsam zu Ende. Nachdem Nora und Michael gegen 17:00 Uhr aufgebrochen waren, fragte Ute mich, ob ich nicht noch Lust auf einen kleinen Spaziergang hätte. Die milde Luft und mein Bedürfnis nach etwas Bewegung ließen mich gerne zustimmen. Normalerweise schlugen wir bei unseren Spaziergängen am Ende unserer Straße den Weg nach links ein, um über eine kleine Brücke ins Uni-Gebiet und von dort ins Grüne zu gelangen. Doch dieses Mal zog Ute mich mit einem entschlossenen Griff nach rechts in Richtung Innenstadt.

„Ich möchte mir nur noch schnell ein paar neue Hausschuhe kaufen“, erklärte sie. „Gleich hier um die Ecke gibt es einen kleinen Laden, das dauert nicht lange.“

Ich kannte das Geschäft; es lag nur rund 200 Meter entfernt. Trotzdem war meine Zustimmung eher widerwillig und mit der klaren Bedingung verbunden, dass ich nicht mit hineinkommen würde. Schuhkäufe sind mir nämlich ein Gräuel. Nicht nur, weil ich wenig Verständnis dafür habe, laufend neue Schuhe zu kaufen, obwohl die alten noch völlig in Ordnung sind, sondern auch, weil unser ohnehin schon mehr als gut gefüllter Schuhschrank längst aus allen Nähten platzt. Und der Anteil meiner Schuhe ist dabei verschwindend gering. Doch ein paar Hausschuhe mehr machen den Kohl jetzt auch nicht mehr fett, dachte ich mir.

Während Ute den kleinen Schuhladen betrat, überquerte ich die Straße und ließ mich auf der gegenüberliegenden Seite auf der Bank einer Straßenbahnhaltestelle nieder. Die untergehende Sonne tauchte den Platz in warmes Licht, und ich genoss die angenehme Wärme auf meiner Haut. Hier konnte man es eine Weile aushalten – zumal ich den Eingang des Geschäfts gut im Blick hatte.

Ich zog mein Handy aus der Jackentasche, öffnete die Kicker-App und vertiefte mich in die neuesten Nachrichten aus der Fußballwelt. Eine Viertelstunde verging, bevor ich erstmals aufsah und einen Blick zum Laden warf. Keine Bewegung – doch das überraschte mich nicht.

Ute hatte eben ihre ganz eigene Art einzukaufen: Begeisterte sie sich für ein Paar Schuhe, mussten erst einmal zwei oder drei Alternativen anprobiert werden, nur um am Ende doch zur ursprünglichen Wahl zurückzukehren. Und das brauchte nun mal seine Zeit, vor allem, weil die Vor- und Nachteile jedes Modells ausführlich mit dem Verkaufspersonal erörtert werden mussten.

Ich erinnerte mich in diesem Moment an eine Szene vor etwa einem Jahr, als Ute aus der Stadt zurückkam und mir voller Begeisterung ein Paar bordeauxfarbene Schuhe präsentierte. „Ein Traum! Exquisites Leder, filigrane Verarbeitung. So weich, dass man keine einzige Druckstelle spürt. Einfach genial!“, schwärmte sie.

Doch vor ein paar Wochen tauchten die Schuhe wieder auf, diesmal mit einem ganz anderen Urteil. „Das Leder ist ganz rau geworden und löst sich irgendwie auf“, stellte sie nüchtern fest. „Die kann ich wohl wegwerfen!“

Von meinen Schuhen trenne ich mich dagegen nicht so leicht. Die wenigen Paare, die ich besitze, behandle ich mit größter Sorgfalt, nicht etwa, weil ich sie so schön finde, sondern wegen der Blasen, die mir neue Schuhe beim Einlaufen immer wieder bereiten. Und darauf kann ich gern verzichten! Deshalb schone ich meine Schuhe, so gut es geht. Wenngleich ich meine ledernen Halbschuhe auch nur noch bei trockenem Wetter tragen kann, weil sie bereits Löcher in den Sohlen haben, käme es mir trotzdem nie in den Sinn, sie wegzuwerfen. Sie sind einfach super bequem, als wären es Hausschuhe.

Apropos Hausschuhe. Inzwischen war mehr als eine halbe Stunde vergangen, seit Ute den Laden betreten hatte. Die Sonne war hinter den Dächern verschwunden, und eine kühle Brise ließ mich frösteln. Doch nun tat sich etwas: Ein Mitarbeiter trat vor die Tür und besprühte ein Paar Schuhe mit einer Spraydose, bevor er wieder im Geschäft verschwand. Ich erhob mich und ging langsam auf den Laden zu, in der Annahme, dass es sich um Utes neu erworbene Hausschuhe handelte und sie gleich nach dem Bezahlen herauskommen würde. Doch ich lag falsch. Es vergingen weitere zehn Minuten, bis sie schließlich mit einer großen Einkaufstasche in der Hand aus dem Geschäft trat.

„Warum hat das denn so lange gedauert?“, fragte ich mit einem Hauch von Vorwurf in der Stimme. „Der Verkäufer hat mich einfach großartig beraten“, entgegnete Ute begeistert. „Und? Warst du erfolgreich? Hast du die perfekten Hausschuhe gefunden?“, hakte ich nach. Ein knappes „Ja“ war ihre Antwort. „Und? Costa quanta?“ „Das verrate ich nicht!“, erwiderte sie mit einem gequälten Lächeln. „Nun sag‘ schon, was du ausgegeben hast!“, insistierte ich. Ute zögerte ein wenig, doch schließlich sagte sie: „Vierhundertdreißig Euro!“

Meine Mundwinkel klappten nach unten. „Nicht dein Ernst, oder? Vierhundertdreißig Euro für ein paar dumme Hausschuhe?“, platzte es nun aus mir heraus. „Ich glaub’s ja nicht. Bist du irre?!“ „Ich habe mir dazu ja auch noch ein paar Gesundheitsschuhe gekauft. Die Hausschuhe haben nur hundertdreißig Euro gekostet“, versuchte sie mich zu beschwichtigen. „Ach, doch so günstig, ein echtes Schnäppchen“, kommentierte ich trocken.

Der anschließende Spaziergang verlief deutlich schweigsamer als sonst. Dass Ute die neuen Schuhe nach dem Kauf gleich angelassen hatte, war mir überhaupt nicht aufgefallen. Wer achtet schon auf Schuhe?!

Einige Tage später machten wir mit Nora und Michael eine Fahrradtour, die unserem Enkel zuliebe auf einem Spielplatz enden sollte. Dort angekommen, mussten wir enttäuscht feststellen, dass er gesperrt war. Ein Schild warnte ausdrücklich davor, das Gelände zu betreten, und wies darauf hin, dass Zuwiderhandlungen als Ordnungswidrigkeit geahndet würden. Dennoch spielten mehrere Kinder vergnügt auf den Geräten – offenbar hatte jemand den Absperrzaun zur Seite geschoben und den Zugang freigegeben.

Nach kurzem Zögern entschieden wir uns, das Verbot zu ignorieren. Es war Sonntag – wer sollte das schon kontrollieren? Ich ging voraus und steuerte eine in den Boden eingelassene Trampolinscheibe an. Die Sprungfläche bestand aus bunten Segmenten, und ohne lange nachzudenken, stellte ich mich auf das orangefarbene Feld.

Kaum verlagerte ich mein Gewicht, sanken meine Füße ein und standen plötzlich im Wasser. Unter der Trampolinfläche hatte sich Regenwasser gesammelt, das nun meine Schuhe umspülte. Erschrocken sprang ich zur Seite und starrte fassungslos auf meine Füße. Nora grinste breit.„Papa, hast du etwa wieder deine kaputten Lochschuhe an?“, fragte sie schelmisch. Ich nickte und seufzte. „Natürlich, es regnet doch nicht!“ in der Tat hatte das Wasser mühelos seinen Weg durch die löchrigen Sohlen gefunden und meine Schuhe komplett durchnässt.

Ute, die mein Missgeschick aus der Ferne beobachtet hatte, warf mir einen triumphierenden Blick zu. Sie trug ihre neuen Schuhe und streckte mir nun den linken Fuß demonstrativ entgegen – ein süffisantes Lächeln auf den Lippen, als wollte sie sagen: „Siehst du? Mit solchen Schuhen wäre dir das nicht passiert. Teuer, aber wasserdicht!“

(geschrieben am 10.02.2025)